18-003 Echte Pioniere und leckere Pausensnacks

An manchen Orten auf dieser Welt ahnt man, dass der feste Boden, auf dem wir alle zu stehen meinen, doch nur eine dünne Haut ist. Auf Island beispielsweise, im Timanfaya-Nationalpark auf Lanzarote, rings um den Vesuv in Italien, um den Ätna, auf Stromboli – überall dort, wo man das brodelnde Innere unseres Planeten deutlich spürt und bisweilen sogar sieht.

Manchmal reißt die dünne Haut der Erde auf und dann bricht das hervor, was vom Volumen her den größten Teil unseres Planeten ausmacht: eine glühende Masse, die innerhalb kurzer Zeit alles Leben vernichtet und auf der wir dennoch alle leben.

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Ist die Lava, die sich über die Landschaft ergossen und gnadenlos alles unter sich begraben und verbrannt hat, abgekühlt, bleibt eine Mondlandschaft zurück. Meist ist das Gestein nach dem Erkalten so scharfkantig, dass selbst das Laufen über diese Lavafelder ein gefährliches Unterfangen darstellt.

Es gibt Regionen, da wird ein Teil dieses Materials genutzt, es kann in der Landwirtschaft helfen, insbesondere am Vesuv weiß man das zu schätzen.

Aber im üblichen Fall, ohne menschliches Eingreifen, ist der Lavaboden auf längere Zeit für Lebewesen nicht bewohnbar. Und mit „längere Zeit“ meine ich eine Spanne von vielleicht 200 bis 300 Jahren. Die Natur nimmt nun einmal keine Rücksicht auf die ziemlich kurze Lebenszeit der Spezies Mensch.

Dann jedoch bilden sich auf den schroffen Steinen seltsame grünliche und gelbliche Gebilde, die beinahe wie Blüten aussehen. Würde in der Natur auf strikte Rassentrennung und Reinhaltung der Arten geachtet, würde auch das nicht passieren. Was eine Art alleine nicht schafft, sich nämlich auf dem Lavaboden anzusiedeln, ihn urbar zu machen, das gelingt, wenn sich zwei völlig verschiedene Arten zusammentun und eine Symbiose bilden.

Es folgt der Auftritt der wahren Helden, der Pioniere der Evolution: der Auftritt der Flechten!

Flechten sind Mischwesen, bestehend aus zwei unterschiedlichen Bestandteilen, die eine innige Beziehung eingehen. Da ist zum einen ein Pilz, der seine Fähigkeit mitbringt, sich auf dem Boden festzusetzen. Und dieser Pilz tut sich (in den meisten Fällen) mit eine Alge zusammen, die in die Ehe ihr reiches Innenleben mitbringt: Chlorophyll.

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Fertig ist das perfekte Geschöpf, um tote Lavaflächen zu neuem Leben zu erwecken. Der Pilz liefert Halt, die Alge kann das Sonnenlicht in Energie umwandeln (ach ja, Photosynthese, da war doch was im Bio-Unterricht, was wir nie so recht begriffen haben…), ab und zu ein paar Tropfen Regen vom Himmel dazu – das genügt.

So lässt es sich leben – zumindest für die Flechte. Nebenher produziert sie als Abfallprodukt eine Säure, welche den Boden ganz langsam zersetzt und mürbe macht – unabdingbare Voraussetzung für alle, die danach kommen. Denn nach wieder etwa 200 oder 300 Jahren, in denen die Flechtenkolonie das Gebiet ganz für sich allein hatte, ist ihr eigentliches Werk vollendet: Der Boden ist urbar gemacht, mürbe durch die Säure und mit einer dünnen Lage abgestorbener Flechten, einer ersten Schicht „Mutterboden“ versehen.

Andere Pflanzen können sich nun endlich ansiedeln. Die Natur zieht sozusagen die High-Heels an – sie wächst nach oben. Die Flechte war darauf angewiesen, am Boden kleben zu bleiben, der von ihr aufbereitete Grund lässt nun Gräser, Moose und erste kleine Büsche wachsen. Die streben alle zum Licht, bilden Blätter – und nehmen damit den Flechten am Boden weg, das sie zu Leben brauchen, das Sonnenlicht. Die Flechten sterben ab.

Sie haben über Jahrhunderte die Drecksarbeit gemacht, nun kommen andere und profitieren davon und die Flechten gehen zugrunde. Das ist ja so was von ungerecht.

Das Interessante an der Natur ist, dass sie sich um menschliche Moralkategorien überhaupt nicht schert. Die Natur macht das, was sie für richtig hält, ob wir das nun gut finden oder nicht. Damit ist sie seit Milliarden Jahren gut gefahren.

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©Kalahari – Afrika Spezial Safaris, Dresden

Um ein anderes Beispiel zu nennen: In den afrikanischen Nationalparks sind die meisten Touristen zunächst von den Antilopen begeistert. Ganz besonders beliebt sind die Springböcken (wegen ihrer faszinierenden Sprungtechnik) oder die Kudu- und Oryx-Antilopen (wegen der eleganten Hörner). Und dann gibt es die Impalas. Die sind in ihrer Bambihaftigkeit kaum zu übertreffen, man möchte sie dauernd streicheln und knuddeln, so süß sehen sie aus.

Gut, es gibt sehr viele Antilopen in den Nationalpark, so dass jeder Ranger bei Beginn einer Beobachtungsfahrt schon mal die Losung ausgibt: Für Antilopen wird nicht angehalten. Aber ein Foto so einer niedlichen Antilope, das möchte jeder in der Kamera haben. Die Impalas haben eine richtige menschliche Lobby, wenn sie aus ihren großen Augen in die Welt gucken.

Und sie haben in den Parks eine ganz genau festgelegte Funktion: Impalas sind in erster Linie als leckere Pausensnacks für Löwen, Leoparden, Geparden, Wildhunde und Hyänen gedacht.

Oh, wie gemein! Böse Natur, böse Löwen, böse Hyänen, ausgerechnet die armen kleinen Impalas!

Man muss allerdings zugeben, dass in punkto Fluchtverhalten die Impalas nicht gerade die hellsten Kerzen am Leuchter der Evolution sind. Kommt ein Raubtier springen sie erschreckt auf, huch, da kommt ein schrecklicher Löwe, sie rennen los – um nach ein paar Schritten stehen zu bleiben und sich umzudrehen: „Und? Ist der böse Löwe weg?“

Der ist dann meist gerade im Sprung über ihnen.

Also, das können wir aber unseren Kindern nicht erzählen!

Aber solange die Löwen und Hyänen und Leoparden sich nicht von menschlichen Aktivisten zur veganen Lebensweise überreden lassen, wird das wohl so bleiben, auch wenn manches zarte Gemüt einen Schock davonträgt.

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©Kalahari – Afrika Spezial Safaris, Dresden

Die Impalas machen ihre, nennen wir es: suboptimale Fluchttechnik durch eine geradezu überbordende Fruchtbarkeit wieder wett. Ein Impalabock kann bis zu fünfzig Weibchen haben und ihnen regelmäßig zu kleinen Bambis verhelfen.

Hier sorgt also die Natur auf andere Weise dafür, dass den Löwen auf längere Zeit das Frischfleisch nicht ausgeht. Wirkliche Gefahr droht den Impalas auf andere Art: durch Dürreperioden, in denen ihre Nahrung knapp wird. Durch menschliche Jäger, die es für heldenhaft halten, aus sicherer Entfernung möglichst viele Löwen und Leoparden abzuschießen und sich dadurch groß und stark und der Natur überlegen zu fühlen. Wenn die Raubtiere fehlen werden es zu viele Antilopen und das Futter wird knapp.

Die Natur beruht auf Gleichgewicht. Und der Mensch sollte sich in dieses Gleichgewicht nicht allzu oft einmischen. Er sollte nicht erwarten, dass die Natur seine moralischen Ansichten teilt oder gar umsetzt. Er sollte auch nicht glauben, er könne der Natur sagen, was zu tun ist. Er sollte sich nicht einbilden, die Natur beherrschen zu können. Ich habe schon oben geschrieben, dass die Hülle, auf der wir stehen, sehr dünn ist – auch wenn wir glauben, sie sei stabil in alle Ewigkeit.

Der Mensch soll die Natur bewundern, das soll und darf er uneingeschränkt. Seien es die kleinen und unauffälligen Dinge, die man so oft achtlos übersieht, wie eben die Flechten, ohne die aber doch in vielen Gebieten Leben überhaupt erst möglich wird. Seien es die Dinge, die er als „niedlich“ empfindet wie die Impalas. Seien es die bösen, bösen Löwen, die die niedlichen Impalas aufessen (komisch, bei „König der Löwen“ war davon nie die Rede…).

Der Mensch soll die Natur bewundern, das verhilft ihm vielleicht auch zu ein wenig Demut ihr gegenüber. Für die künftigen Jahrhunderte kann eine solche Demut für die Fortexistenz des Lebens auf unserem Planeten nur von Nutzen sein.

18-003 Echte Pioniere und leckere Pausensnacks

18-002 Der Himmel über dem Süden

DSC04253Es gibt viele Gründe, warum eine Fahrt in den Süden Afrikas für viele Menschen eine Traumreise ist.

Da ist die Tierwelt. An keinem anderen Ort sieht man sich den „Big Five“, also Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn und Büffel, so nahe gegenüber wie im Krüger- oder im Umfolozi-Nationalpark in Südafrika. Mit etwas Glück kann man vom Jeep aus einem Elefanten direkt ins Auge schauen oder Löwen beim Liebesspiel zusehen – und das in völliger Sicherheit, solange man sich als Zweibeiner an die Spielregeln hält und im Jeep bleibt. Im Etosha-Nationalpark in Namibia fehlen zwar die Büffel, aber die vier anderen „Großen“ gibt es ebenfalls zu bestaunen. Und dann sind da ja auch noch Zebras, Giraffen, die verschiedensten Antilopenarten und, und, und…

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Andere zieht es wegen der großartigen Landschaften in den Süden Afrikas. Seien es die Drakensberge in Südafrika, der Blick vom Tafelberg hinunter auf Kapstadt, der Fish-River-Canyon in Namibia, der zweittiefste Canyon der Welt, die gewaltigen roten Sanddünen von Sossusvlei oder auch nur die endlosen Weiten, beispielsweise im Damaraland im Norden von Namibia: Wer über die Werke der Natur ins Staunen und Schwärmen geraten will, der ist hier goldrichtig.

Kenner wissen längst, dass man in diesen Ländern auch den Gaumen verwöhnen kann. Die Küche Südafrikas mit ihren europäischen, afrikanischen, malaiischen und indischen Einflüssen bringt Gourmets zum Träumen. Und in Namibia kommen Fleischesser voll und ganz auf ihre Kosten. Frischestes Fleisch von Rind oder Schaf, aber auch von den verschiedenen Antilopenarten oder vom Zebra, auf dem Grill ganz nach Wunsch an- oder durchgebraten, dazu eine der vielen leckeren Beilagen und ein kühles Windhoek-Lager-Bier, nach so einem Abendessen kann einem nichts Schlimmes mehr passieren.

Doch es gibt eine Sache, die in den meisten Katalogen vergessen wird: das ist der Himmel über dem Süden Afrikas, insbesondere der Abendhimmel.

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Was soll daran so Besonderes sein, fragt man sich. Himmel ist Himmel.

Und doch, wenn ich im Winter zuhause sitze und an Afrika denke, dann kommen mir zuerst nicht die Elefanten oder Giraffen in den Sinn, nicht der Blick vom Rand des Fish-River-Canyon, kein duftender und dampfender Teller mit dem südafrikanischen Eintopf Bobotie – nein, ich sehe den afrikanischen Abendhimmel vor mir. Und, ich weiß es von Freunden, ich bin damit nicht allein.

Tagsüber ist es meist warm und vor allem oft staubig – die Naturpisten, auf denen man sich vorwärtsbewegt, tun das Ihrige dazu. Der Himmel ist blass an diesen Tagen und die Einheimischen halten Ausschau nach Wolken, die vielleicht ein wenig Regen bringen könnten.

Der Abend verzaubert dann jedoch die Landschaft. Sobald sich die Sonne dem Horizont nähert wird der Himmel mit einem Mal gläsern und klar. Es wird sozusagen der Vorhang aufgezogen für das allabendliche Schauspiel. Ein Schauspiel, für welches der Name „Abendrot“ eine beleidigende Untertreibung wäre.

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Innerhalb der nächsten halben Stunde erstrahlt der Himmel in allen nur erdenklichen Farbtönen zwischen Gelb, Orange, Rot, Rosa, Violett bis hin zu braun, ehe er sich in ein tiefes Dunkelblau und Schwarz hüllt, und taucht dabei alles in warme, fast unwirkliche Farben. Die Landschaft erscheint mit einem Mal so weich, so weit, so friedvoll, als ob sie dem Farbspiel des Himmels zu antworten scheint.

Die Umrisse einer Schirmakazie in diesem Abendlicht, eine in der Ferne stehende, von rotem Licht umhüllte Giraffe, die goldene Spiegelung an einem Wasserloch – all das zaubert dem Betrachter unweigerlich ein kindliches Staunen ins Herz und ein entrücktes Lächeln auf das Gesicht.

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Manchmal, wenn man Glück hat, sind Wolken am Himmel, dann wird das Schauspiel um einen dramatischen Akt verlängert. Die Sonne ist für uns kleine Beobachter auf der Erde schon längst hinter dem Horizont verschwunden, ihre Strahlen jedoch fangen sich immer noch in den über die Landschaft ziehenden Wolken, färben sie ein, bilden golden leuchtende, rote feurige oder tief schattige Ränder und Inseln am Himmel. Je nachdem, wie die Wolken beschaffen sind, kann man den Eindruck gewinnen, der unmittelbar bevorstehenden Ankunft eines wie auch immer gestalteten Gottes beizuwohnen oder einen Blick in eine Dämonenküche zu riskieren.

Man steht sprachlos da und kann die Augen gar nicht so weit aufreißen, wie man möchte.

Viele Lodges im Süden Afrikas sind sich dieses – noch dazu kostenlosen – Schatzes bewusst. Der „Sundowner“ ist fester Bestandteil des Tages, ein Ritual, auf das man sich schon den ganzen Tag freut. An einem schönen, erhöhten Fleck nahe der Lodge wird eine Plattform gebaut, auf der man auf bequemen Stühlen dieses Schauspiel erleben kann. Ein freundlicher Angestellter der Lodge serviert einen kühlen Drink, ein paar Würfel Käse, Chips oder Biltong, das afrikanische Dörrfleisch und man kann sich ganz der abendlichen Aufführung hingeben.

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Oder, wie in der Kalahari, man steigt auf einen offenen Jeep und wird auf eine der roten Dünen gefahren, von wo aus man die endlose Weite dieser Wüste überblickt. Die Kühlbox wird ausgepackt, ein Tisch aufgestellt und der Guide serviert den Sundowner. Mit Glück erspäht man in der Ferne ein paar Antilopen, eine Giraffe oder ein Warzenschwein, während man staunend bemüht ist, diesen Moment so tief wie nur möglich in sich aufzunehmen, wohl wissend, dass einem keine Kamera, keine Videoaufzeichnung dieses Gefühl so vollkommen wiederherstellen kann.

Und auf dem Weg zurück von der Plattform zur Lodge, zu Fuß oder per Jeep, haben die meisten Reisenden immer noch etwas von diesem abendlichen Leuchten in sich. Es strahlt förmlich aus ihnen heraus.

Wenn ich an Afrika denke, fallen mir viele Dinge ein. Doch ganz vorn ist immer die Erinnerung an diesen Abendhimmel, eine Erinnerung, die nach mir zu rufen scheint.

 

 

 

18-002 Der Himmel über dem Süden

18-001 Was am Wege liegenblieb

Es ist Januar. Die Fahrt über Silvester ist vorüber und nun warte ich auf die Planung für das Jahr, das gerade begonnen hat. Ich habe diesen Tag in einem früheren Blog als eine „Bescherung“ beschrieben, und das ist auch dieses Mal so, die Vorfreude steigt von Tag zu Tag.

Bis dahin ist noch ein wenig Zeit, die Möglichkeit, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Wenn meine Excel-Datei nicht schwindelt, war ich mit 358 Reisegästen unterwegs und habe dabei 37.500 km im Bus und 46.500 km im Flugzeug zurückgelegt.

Los ging es im März mit Island. „Auf der Suche nach dem Nordlicht“ war das Thema. Dafür hatten wir einen einheimischen Guide. Ausgestattet mit den neuesten meteorologischen Apps fuhr er mit uns von Reykjavik aus über die nächtliche Insel. Seiner Aussage nach waren Jahreszeit und Mondphase ideal, um Nordlichter beobachten zu können, wir müssten nur eine Wolkenlücke finden.

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Wir fanden sie nicht. Wir sahen in finsterster Nacht wundervoll erleuchtete Holzkirchen, lauschten isländischen Legenden und sahen komplett bedeckten Himmel. Nachdem nachts um eins eine weitere von seiner App angekündigte Wolkenlücke offenbar einen anderen Weg gewählt hatte, gab er auf und brachte uns niedergeschlagen und enttäuscht zum Hotel zurück.

Zwei Tage später verabschiedete er sich zerknirscht von uns. Ich hatte das Gefühl, er nahm es seiner Heimat persönlich übel, dass sie ihn so hängengelassen hatte. Wir trösteten ihn, das Wetter ist nun einmal bei jeder Reise ein Faktor, den man hinnehmen muss, doch das konnte ihn nicht wirklich aufheitern. Der Bus fuhr, ohne unseren Guide, zum Flughafen nach Keflavik – und als wir dort ausstiegen, war der Himmel über und über mit Nordlichtern geschmückt, so hell, dass man sie selbst in der Nähe des hell erleuchteten Flughafengeländes gut erkennen konnte…

Als nächsten ging es, schon wegen des Kontrasts, nach Südafrika. Dor habe ich in der Nähe des Hluhluwe-Nationalparks eine neue Sorte Hotel kennengelernt, ein „tented camp“. Die geräumigen Häuser, jeweils für ein bis zwei Personen, waren bis in etwa zwei Meter Höhe gemauert, auch Waschraum und Dusche, alles aus massivem Stein, ein wundervoll bequemes Bett (das ist leider nicht immer so), eine kleine Terrasse, schöner kann man es sich nicht wünschen.

Anstelle eines Daches besitzen diese Häuser allerdings eine Zeltplane, die an dicken Balken befestigt über den Raum gespannt ist. Das verleiht dem Ganzen einen Hauch von Safari-Abenteuer. Nur haben wir leider eine recht stürmische Nacht erlebt, der Wind ließ die Balken ächzen, die Zeltbahn flatterte und knallte und hin und wieder trommelte ein Regenguss auf das Zeltdach. Am nächsten Morgen meinten etliche meiner Reisegäste, sie hätten kein Auge zumachen können.

Was macht man da als Reiseleiter? „Wissen Sie“, habe ich gesagt, „wenn Sie wieder daheim sind, werden Sie sich an diese eine Nacht ganz besonders erinnern, diese Nacht, in der es sich wieder so anfühlte wie damals, als Sie mit 20 Jahren zum Zelten gefahren sind!“ Ich bin mir sicher, dass es so gekommen ist.

In Südafrika und Namibia scheint es außerdem verboten zu sein, bestimmte Orte auf Facebook zu liken. Oder wie sonst soll ich dieses Verkehrsschild interpretieren?

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Irland habe ich im vergangenen Jahr mehrfach besuchen dürfen. In Dublin ist nach langer Bauzeit wieder ein längerer Abschnitt der Straßenbahnstrecke fertig geworden. Jedes neue Teilstück erleichtert dem Busfahrer das Leben gewaltig, weniger Baustellen, weniger Umleitungen. Nur die Radfahrer scheinen mit den Tücken der Straßenbahn noch nicht vertraut zu sein. Ich habe jedenfalls noch nirgendwo sonst Schilder gesehen, die so schön drastisch die Gefahr illustrieren, wenn man mit dem Vorderrad in die Bahnschienen gerät.

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Im zentralen Irland liegt Cashel mit der mittelalterlichen Burg- und Klosteranlage Rock of Cashel. Hier ist man offenbar Kummer mit Damenschuhen gewohnt. Wahrscheinlich um Versicherungsklagen von vornherein einen Riegel vorzuschieben, hat man High heels gleich verboten, das habe ich so auch noch nicht gesehen.

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Inzwischen habe ich in 103 Hotels in 15 verschiedenen Ländern genächtigt. Es waren Luxusappartements dabei und schlimme Bruchbuden, seelenlose Kästen irgendwo in der Pampa an einer Umgehungsstraße und charmante, manchmal schon etwas angegraute Hotels im Ortszentrum. Es gibt Hotels, auf die freue ich mich schon vor Beginn der Reise und dann wieder andere, wo ich noch vor Abfahrt überlege, wie ich die Gäste schonend auf diese Nacht vorbereiten soll.

Manchmal erlebt man aber auch Unvorhersehbares. In San Francisco habe ich in einem dieser schönen alten Hotels nahe der Innenstadt tatsächlich die Zimmernummer 666 erwischt. Zumindest stand dies auf meiner Zimmerkarte:

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Die Suche nach dem Zimmer auf der entsprechenden Etage war allerdings erfolglos. Erst als ich die Magnetkarte an einer anderen Tür ausprobierte, konnte ich ein Zimmer betreten. „666“ ist ja für einige zartbesaitete Menschen die Nummer des Teufels, „the number of the beast“, und um diesen Abergläubischen schlimme Alpträume zu ersparen, hat das Hotel eine sehr elegante Lösung gefunden:

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Soviel als kurzer Rückblick auf ein langes und erlebnisreiches Reiseleiterjahr 2017. Wie eingangs geschrieben: Die Planung für dieses Jahr 2018 werde ich in den nächsten Tagen bekommen. Ich freue mich schon drauf und wünsche uns allen ein gesundes, intensives, abenteuerliches, entspanntes und mit schönen Begegnungen prall gefülltes Jahr 2018. Und immer schön vorsichtig sein, vor allem im Fall von die Straße kreuzenden Elefanten!

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Und, auch wenn das in Deutschland keiner glaubt, die Warnschilder sind sehr ernst gemeint!

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18-001 Was am Wege liegenblieb

17-005 Ullmann der Fatalist und seine Gäste

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Am Abend steht die Lichterfahrt durch Las Vegas auf dem Programm. Sie ist fakultativ und kostet extra, es haben sich jedoch alle Reisegäste dafür eingetragen. Jake, unser Fahrer und Reiseleiter in einem, und ich als Reisebegleiter haben dafür geworben, denn erst bei Nacht wird Las Vegas zu dem, was man sich darunter vorstellt.

Unser Hotel liegt abseits vom großen Boulevard, von hier aus sieht die Skyline von Las Vegas aus wie die etlicher anderer US-Großstädte. Man sieht schon, dass sich hier einige exzentrische Architekten ausgetobt haben, wenn man das riesige „Mandalay Bay“-Hotel sieht oder den Nachbau des Empire State Buildings. Aber eine ähnliche Exzentrik findet man auch beim abendlichen Blick von Treasure Island auf die Skyline von San Francisco, das ist noch nichts Einzigartiges.

Erst im Nachtlicht erwacht die Faszination der Stadt, die wir den Gästen vermitteln wollen.

Jake und ich haben uns abgesprochen. Da er als Fahrer beim Bus bleiben muss, werde ich mit den Gästen einzelne Strecken zu Fuß zu gehen, denn das Innenleben der Spielpaläste ist mindestens ebenso sehenswert wie ihre Fassade.

Jake hat zwei Paletten Budweiser und ein paar Flaschen alkoholfreie Getränke besorgt, wir beginnen um 19 Uhr und fahren in Richtung Norden, nach Downtown. Vor dem California Hotel kann der Bus stehen bleiben und ich laufe mit den Gästen zur Fremont Street. Wir gehen ins „Golden Nugget“, wo wir hinter der Rezeption die Vitrine mit den riesigen Goldklumpen ansehen. Warum hat noch niemand von uns beim Umgraben des Gartens ein solches Exemplar gefunden? Gleichzeitig bewundern wir das Schwimmbad, dessen Rutsche mitten durch ein Aquarium mit gewaltigen Fischen drin führt.

Um 19:45 sind wir wieder auf der Fremont Street, ich gebe den Gästen 15 Minuten Zeit zum Schlendern. Sie können die Souvenirstände betrachten oder den Waghalsigen zusehen, die alle paar Minuten in Vierergruppen an Stahlseilen unter dem riesigen Kuppeldach, welches über die Straße gespannt wurde, durch die Luft von einem Ende zum anderen sausen.

Um 20 Uhr treffen wir uns zur Videoshow. Dann verwandelt sich das Kuppeldach über der Straße in eine Leinwand aus Millionen LEDs, auf der eine viertelstündige Videoshow mit Hits der Band „Heart“ gezeigt wird. Sehr laut, sehr bunt, sehr beeindruckend. Um 20:15 Uhr ist alles vorüber und wir gehen zurück zum Bus, zwängen uns an einer Bühne vorbei, auf der gerade ein voluminöses Elvis-Double seine Show mit „It’s allright, Mama“ beginnt.

20:30 Uhr fahren wir weiter, den Boulevard nach Süden. Wir lassen das „Stratosphere“ rechts liegen und belächeln die kleinen Hochzeitskapellen links, insbesondere die „Graceland-Chapel“ mit dem pinken Cadillac davor, in der Elvis geheiratet hat. Jake erklärt, dass es mit dem Scheidenlassen in Las Vegas nicht ganz so einfach ist wie mit dem Heiraten, dazu muss man schon ein paar Wochen in Las Vegas gelebt haben.

Von unserer Gruppe mag keiner heiraten, also bleibt das Angebot der „Drive-thru“-Kapelle von uns ungenutzt und es geht in die Tiefgarage unterhalb des „Venetian“. Toilettenpause und dann nach oben. Die Etage mit den Spielautomaten lassen wir aus, davon werden die Gäste später noch mehr zu sehen bekommen, statt dessen geht es gleich mit der Rolltreppe nach oben zum Markusplatz.

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Wir schlendern zum Canale Grande, dem wir folgen, wobei wir den künstlichen Himmel bewundern, der so gestaltet ist, dass man beim Laufen das Gefühl hat, die Wolken bewegten sich tatsächlich. Und im Gegensatz zum echten Venedig scheint hier niemand ein Problem damit zu haben, wenn der Gondoliere eine Gondoliera ist. Wir spazieren durch ein Venedig, das so proper und gepflegt ist, dass sich wahrscheinlich mancher Venezianer wünschen würde, seine Stadt wäre genau so, dann kommen wir auf der Loggia des Dogenpalastes an. Von hier aus kann man den Vulkan sehen, der gegenüber liegt, neben dem „Mirage“, und der, meiner App nach, alle halbe Stunden ausbrechen soll, das nächste Mal also um 21:30 Uhr.

Bis dahin ist noch eine Viertelstunde Zeit, also schlendern wir über die Rialtobrücke zum Campanile und bewundern die Architektur, der Canale Grande hier im „Venetian“ liegt nämlich auf zwei Ebenen und verbindet das Innen mit dem Außen.

Um 21:30 – kein Vulkanausbruch. Meine App scheint nicht auf dem neuesten Stand zu sein. Wir beraten kurz, ob wir bis um 22:00 Uhr warten wollen, dann beschließen wir, zum Bus zurückzukehren und die Fahrt fortzusetzen.

Als nächstes möchte ich mit den Gästen durch das „Belagio“ laufen. Ich will ihnen die überbordenden, phantasievollen Blumenarrangements zeigen und das Ganze so planen, dass wir, wenn wir auf der anderen Seite wieder herauskommen, die faszinierenden Wasserspiele mit Musik sehen können. Das wäre ein wundervoller Abschluss der Tour. Dazu müsste der Bus in einer kleinen Straße neben dem Nachbau des Eiffelturms parken – da wir jedoch, aus dem „Venetian“ kommend, in Richtung Süden den Boulevard befahren, können wir dort nicht einfach links abbiegen.

Jake und ich beschließen also, bis ans südliche Ende zu fahren, zu dem „Welcome to fabulous Las Vegas“-Schild. Vor diesem können sich die Gäste gegenseitig fotografieren und wir können wenden, um zum „Belagio“ zu fahren. Also vorbei an New York, am „Excalibur“, an der Pyramide des Luxor, deren in den Himmel gerichteten Laser-Lichtstrahl man bei klarem Wetter noch in 100 km Entfernung sehen soll, vorbei am Mandalay Bay, dem angeblich größten Hotel der Welt

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22:10 sind wir an dem bekannten Schild, die Gäste steigen aus dem Bus – gleichzeitig kommen mit einem Mal aus allen Richtungen Polizeiautos mit Blaulicht angeschossen und fahren den Boulevard in nördliche Richtung hinauf. Im ersten Moment albern wir noch herum, da hat wohl jemand beim Pokern die Bank gesprengt, da es aber immer mehr Polizeiautos werden, bekommen wir ein mulmiges Gefühl. Als alle wieder im Bus sind, stellen wir fest, dass der Boulevard in nördlicher Richtung komplett gesperrt ist, wir habe gar keine andere Wahl, als die Tour hier abzubrechen und, das Stadtzentrum weiträumig umfahrend, zum Hotel zurückzukehren – plötzlich wird es ein großes Plus, dass es etwas abseits liegt.

Jake versucht noch während der Fahrt, im Internet an Informationen zu kommen, vergeblich. Wir verteilen die restlichen Bierbüchsen und alle gehen auf die Zimmer, wobei sie das Spielcasino des Hotels durchqueren müssen – also auch Roulettetische und Daddelautomaten bekommen wir noch reichlich zu sehen.

Je nach Müdigkeit erreichen uns dann in der Nacht oder am Morgen die Nachrichten über das, was passiert ist. Ein Verrückter hat aus der 32. Etage des „Mandalay Bay“ das Feuer auf die Besucher eines Country-Konzertes eröffnet, am Ende waren 58 Menschen tot, wobei nicht bekannt ist, wie viele davon erschossen oder in Panik totgetrampelt wurden, und mehr als 500 verletzt.

Jake sagt, er habe beim Vorbeifahren ein merkwürdiges Geräusch gehört, so ein seltsames Ploppen – aber in Las Vegas ploppt und donnert und blitzt und knallt es üblicherweise die halbe Nacht über, zudem waren wir auch dicht am Flughafen, wo der Geräuschpegel ohnehin sehr hoch ist.

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Doch beim Nachvollziehen des Zeitplans wird mir klar: Wir sind genau in dem Moment am „Mandalay Bay“ vorbeigefahren, als der kranke Mensch das Feuer eröffnet hat. Und wir haben nichts davon gemerkt. Uns ist niemand blutüberströmt vor den Bus gelaufen, wir haben keine markerschütternden Schreie gehört, nichts.

Wenn er allerdings auf den Gedanken gekommen wäre, statt auf die Konzertbesucher auf Autos zu schießen – nach allem, was man über die Waffen in seinem Zimmer weiß, hätte er ohne weiteres die Möglichkeit gehabt, unseren Midibus in eine Büchse mit blutigen Steaks zu verwandeln. Und niemand hätte etwas dagegen tun können, weder Jake noch ich, weder die gesamte Polizei des Bundesstaates Nevada noch der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Wie geht man mit so etwas um?

Warum trifft es immer Orte, die ich mit einem Gefühl von Heiterkeit und Ausgelassenheit verbinde?

Im vergangenen Jahr, da kam es mir schon ziemlich knapp vor. Eine Woche, nachdem ich in Nizza auf der Promenade des Anglais gestanden habe, bis dahin einer meiner Lieblingsorte in Europa, eben wegen der Atmosphäre von Leichtigkeit und Lebensfreude, die einen dort gefangen nehmen kann, eine Woche danach ist ein Verrückter im Namen eines wehrlosen angeblichen Gottes in eine feiernde Menschenmenge hinein gerast und seitdem liegt ein Schatten auf diesem Ort.

Nun Las Vegas. Dichter geht es kaum noch.

Sicher, in Las Vegas geht es darum, Geld zu machen. Viel Geld. Und natürlich ist diese Stadt komplett überdreht, wobei sie meiner Meinung nach nicht nur eine, sondern mindestens zehn Drehungen zuviel auf der Spule hat. Aber Las Vegas ist eben auch deshalb Las Vegas, weil täglich tausende Menschen aus buchstäblich jedem Land der Welt, vielleicht mit Ausnahme von Nordkorea, hierher kommen, um sich davon verzaubern und faszinieren zu lassen, dass diese Stadt kein Maß kennt. Schon gar kein Mittelmaß. Hier muss alles das Größte, Spektakulärste, Atemberaubendste der Welt sein.

Und nun ist die Stadt Ort des größten Massakers in den USA seit vielen Jahrzehnten geworden.

Vor zwei Tagen hat sich Jake in San Francisco im Hotel mit der Reiseleiterin einer anderen Gruppe unterhalten, ich schätze, eine Deutsche, die in den USA lebt. Es ging darum, dass im Yosemite-Nationalpark, der an diesem Tag auf unserem Programm stand, in den Tagen zuvor einige Menschen bei Erdrutschen verletzt wurden, einer sogar getötet. „It’s better them than us“ – besser die als wir – meinte die Reiseleiterin lapidar. Der Satz hat mich erschreckt.

Und jetzt stehe ich am Morgen mit meiner Reisegruppe da und sage ihnen, sie sollen schnell zuhause Bescheid geben, dass uns nichts passiert ist. Dasselbe gebe ich meinem Reiseunternehmen durch – WIR sind wohlauf, WIR werden die Fahrt wie geplant weiterführen.

Es kommt uns zupass, dass selbst jetzt, frühmorgens um 7, im Casino des Hotels Menschen an den Spielautomaten sitzen und sie ungerührt mit Dollars füttern als sei nichts geschehen. Weniger als sonst, habe ich das Gefühl, aber immerhin. Und nachdem wir Las Vegas verlassen haben, den Innenstadtbereich in weitem Bogen umfahrend, gelangen wir zum Zion-Nationalpark und später zum Bryce Canyon, in Landschaften, die überwältigend schön sind und den wohl größtmöglichen Kontrast zu Las Vegas bilden.

Unser Nachtquartier befindet sich in Antimony, einem Ort, buchstäblich am – allerletzten Ende der Welt. Die Ranch wird von Mormonen betrieben, es gibt kein Bier, selbst der Kaffee zum Frühstück ist koffeinfrei, dafür eine Country-Lifeband, die mit unserer Gruppe Linedance einübt. Der Kulissenwechsel zum Vorabend ist so komplett, dass die meisten innerhalb kurzer Zeit eine wahrscheinlich hilfreiche Distanz aufbauen.

Es gibt keine absolute Sicherheit, darüber haben wir uns lange unterhalten. Es sei denn, man verbarrikadiert sich daheim, lässt niemanden herein, geht nirgendwo mehr hin – aber wäre das ein Leben?

Es kann einen überall erwischen, das ist die Schizophrenie dieser Zeit, damit muss man leben – und gerade darum sollte man dieses Leben an jedem Tag genießen. Dann hat man, wenn es einen tatsächlich treffen sollte, immer noch mehr vom Leben gehabt als derjenige, der sich vor Angst komplett eingegraben hat – diese Ansicht habe ich nach dem Anschlag in Nizza im vergangenen Jahr entwickelt und sie findet jetzt Zustimmung.

Ein paar Tage später treffen wir den Bus mit der anderen Reiseleiterin bei der Einfahrt in den Joshua-Tree-Nationalpark wieder. Und als wir den Park verlassen, steht deren Bus am Ausgang und daneben ein Krankenwagen mit Blaulicht. Später erfahren wir, dass sich eine Frau aus diesem Bus beim Laufen durch den Park den Knöchel gebrochen hat.

„It’s better them than us“, denke ich und könnte mich im nächsten Moment für diesen Gedanken ohrfeigen.

Dass es einen jederzeit erwischen kann, dass man nichts dagegen tun kann und dass man deshalb das Leben umso mehr genießen soll, das ist eine Form Fatalismus, die man sich als Reiseleiter wohl aneignen sollte. „Better them than us“ – das ist Zynismus. Und wenn ich Zyniker werde, dann will und kann ich nicht mehr als Reiseleiter arbeiten.

Ich hoffe, dass ich noch auf der Stufe des Fatalisten stehe.

Ob ich wieder nach Las Vegas fahren würde? Wenn ich gefragt werden würde: Jederzeit. Sofort.

17-005 Ullmann der Fatalist und seine Gäste

17-004 Zerbrochene Fenster, Jesus am Berg und schottischer Death Metal

Es gibt ein Gedankenmodell, nach dem ein einziges zerbrochenes Fenster ein ganzes Stadtviertel in den Abgrund ziehen kann. Nach der „Broken-windows-Theorie“ muss ein eingeschlagenes Fenster in einem leerstehenden Haus sofort repariert werden, ansonsten greifen in dem gesamten Stadtviertel innerhalb kürzester Zeit Zerstörung, Kriminalität, Verwahrlosung und am Ende die völlige Anarchie um sich.

Ein scheinbar harmloses Ereignis zieht zwangsläufig und unentrinnbar eine ganze Kette von schrecklichen Entwicklungen nach sich.

Das kommt mir aus meiner Tätigkeit als Reiseleiter bekannt vor. Für mich setzt diese fatale Entwicklung allerdings nicht mit einem eingeschlagenen Fenster ein, sondern damit, dass an einer besonders schönen Stelle, landschaftlich oder in einer Stadt, zum zweiten Mal ein Touristenbus anhält, dem mit Fotoapparat (von mir aus auch nur mit Smartphone) bewaffnete Touristen entsteigen.

Beim ersten Mal – das kann noch Zufall sein, vielleicht hat sich der Busfahrer verfahren oder der Reiseleiter die Karte falsch gelesen. Beim zweiten Bus jedoch muss etwas Besonderes an dieser Stelle vorliegen. Deshalb nenne ich mein Modell auch die „Zweiter-Bus-Theorie“.

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Auch hier zieht das zunächst banale Ereignis eine ganze Kette von Folgen nach sich. Als erstes wird schon bald an der Stelle, wo die Touristen dem Bus entstiegen sind, eine Imbissbude stehen. Und wenn der Betreiber sich mit Bustouristen und deren Bedürfnissen auskennt, stellt er auch ein Toilettenhäuschen daneben.

Im zweiten Schritt, etwa zwei bis drei Jahre nach dem Anhalten des zweiten Busses, kostet die Besichtigung Eintritt.

Und weitere zwei Jahre später kommt man nur zurück zum Bus, wenn man vorher durch den Souvenirladen geht.

Wenn in dem zweiten Bus auch noch japanische oder chinesische Touristen saßen, geht alles womöglich noch schneller.

Das klingt vielleicht übertrieben, aber ich habe Beispiele.

Im irischen Nordwesten gibt es die Kylemore-Abbey. Die ist architektonisch nun nicht so umwerfend, aber schön gelegen und von einem sehenswerten Garten umgeben. Oberhalb der Abbey aber steht eine Jesusstatue am Berg. Als ich zum ersten Mal dort war, konnte man einen kleinen Serpentinenweg hinauf laufen, und von dort oben hatte man einen atemberaubend schönen Blick auf die Landschaft von Connemara. Im vergangenen Jahr war ich als Reiseleiter dort und wollte die Sportlichen in meiner Gruppe ermuntern, mit mir dort hinauf zu steigen und die Sicht zu genießen, das Wetter war wie gemalt dafür.

Der Weg war gesperrt. Auf meine Nachfrage wurde mir erklärt, aus Sicherheitsgründen (ja, sicher, warum auch sonst…) dürfe dieser Weg nur mit einem örtlichen Begleiter begangen werden, dieser koste 50 Euro und die Gruppenstärke sei auf 12 Personen begrenzt.

Die südfranzösische Stadt Aigues-Mortes verfügt über eine komplett erhaltene mittelalterliche Stadtmauer. Vor langer, langer Zeit konnte man auf dieser Mauer einmal um das gesamte Stadtzentrum laufen und den Leuten in die Hinterhöfe oder sogar auf den Frühstückstisch schauen.

Im Prinzip kann man das auch heute noch, nur sind bis auf einen alle Zugänge zum Rundweg auf der Mauer verschlossen worden (wahrscheinlich auch aus Sicherheitsgründen). Und der letzte offene Zugang befindet sich hinter der Kasse, an welcher man 7,50 Euro pro Person bezahlen muss.

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Das Motto ist in jedem Fall das gleiche: Warum soll man etwas kostenlos anbieten, wofür man auch Geld verlangen kann?

Noch am Anfang der Entwicklung befindet sich der schottische Wasserfall „Falls of Mesach“ im Naturschutzgebiet Corrieshalloch Gorge südöstlich der Stadt Ullapool. Dort ist zumindest schon mal ein Zaun aufgestellt, den man passieren muss, um zum Wasserfall hinunter zu kommen. Ein Imbisswagen mit Toilette steht auch schon auf dem Parkplatz, es dürfte nicht mehr lange dauern, bis am Zugangstor ein Kassenhäuschen steht. Zumal etwas südwestlich davon, im Restaurant des Inverewe Gardens, bereits ein großes Plakat die Schönheit dieses Wasserfalls preist.

Und am Ende steht dann immer der Souvenirladen. Egal, ob es sich um den Papstpalast in Avignon handelt, die Kathedrale von Canterbury in England, die vatikanischen Sammlungen in Rom, die blaue Lagune auf Island, das Vikingermuseum auf den Lofoten, englische Landschaftsgärten oder eine Whiskybrennerei – raus kommt man nur durch den Laden.

Wenn ich dereinst meine Memoiren als Reiseleiter schreibe, stelle ich sie wahrscheinlich unter den Titel: „Exit through the gift shop“.

Wäre vielleicht auch als Lebensmotto passend und sogar irgendwie tröstlich.

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Noch eine Kleinigkeit (oder wie es bei Monty Python immer heißt: And now to something totally different): Ich bin vor einiger Zeit von Zigarette auf E-Zigarette umgestiegen. Ist auch nicht wirklich gesund, aber darum soll es hier nicht gehen.

Dieser Verdampfer muss regelmäßig mit Liquid nachgefüllt werden und da probiere ich mitunter auch Sorten, die es vor Ort zu kaufen gibt. Im schottischen Stirling nun habe ich in einem Laden Liquid gefunden, das preislich in Ordnung war, die Verpackung allerdings sehr im Death-Metal-Stil gehalten. Die einzelnen Sorten trugen dann auch Namen wie „Exorcist“, „Lucifer“ oder „R. I. P.“.

Ich habe dennoch probiert und mit dem Schlimmsten gerechnet. Chilli, Knoblauch, Moder, vielleicht noch kombiniert. Aber es kam schlimmer. Denn was waren die Geschmacksrichtungen, die sich hinter diesen finsteren Namen verbargen? Kirsche, Erdbeere und – Quarkkuchen!

Schottische Death-Metal-Fans, ganz harte Kerle, die immer richtig böse gucken und meist großflächig tätowiert sind, lieben also Mamas Quarkkuchen. Das gibt mir zu denken – und auch das ist am Ende tröstlich. Diese Liquids sollten jedenfalls in allen Gift-Shops angeboten werden, die man passieren muss, wenn man Schottland verlassen will.

17-004 Zerbrochene Fenster, Jesus am Berg und schottischer Death Metal

17-003 Davon träumen kann man ja

Vielleicht finde ich auf einer meiner Reisen einen Jungbrunnen. In den springt man hinein und kommt als Zwanzigjähriger wieder heraus. Ich wäre auch zufrieden, wenn es dreißig Jahre wären, Hauptsache, man behält all sein Wissen von vorher.

In diesem Fall hätte ich einen konkreten Plan, was mein zweites Leben angeht.

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Zunächst einmal würde ich meine Erlebnisse und Erfahrungen als Reiseleiter zu einem Roman verarbeiten. Das müsste ein Bestseller werden. Die Story, oder besser gesagt: die Geschichte, denn das Buch soll ja für das deutsche Fernsehen verfilmt werden,  kann ich hier kurz andeuten:

Ein junger, sympathischer, leider völlig mittelloser Reiseleiter verliebt sich. In eine bildschöne Deutsche, die irgendwann nach England ausgewandert ist, dort einen reichen Mann geheiratet hat, der sich aber nach der Hochzeit als böser, böser Tyrann erwiesen hat. Der Mann muss natürlich Spross eines alten Adelsgeschlechts gewesen sein, ganz alter englischer Adel. Die Ehe jedenfalls war sehr unglücklich, glücklicherweise hat der reiche böse Ehemann bald das Zeitliche gesegnet.

Aufgrund finsterer Machenschaften kommt die wunderschöne Deutsche nicht an das Familienerbe des Adelsclans heran, obwohl es ihr rechtmäßig zustünde: Ungeachtet der Bosheit des Mannes hat sie ihm doch ein oder zwei, natürlich ebenfalls wunderhübsche, Kinder geschenkt. Um mit den Kindern nicht verhungern zu müssen, verdingt sich die junge Frau nun als lokale Führerin für deutsche Reisegruppen und zeigt ihnen die Schönheiten ihrer neuen Heimat.

Das Ganze müsste, damit es auch ZDF-kompatibel ist, möglichst in Cornwall spielen, Kent und East Sussex wären ebenso eine gute Wahl, das böte die Möglichkeit zu Landschaftsaufnahmen, die ich mir für die Verfilmung sehr schön vorstellen kann.

Eines schönen Tages also bekommt der junge Reiseleiter die junge schöne Frau als lokale Reiseleiterin für einen Tag zur Seite gestellt – und er verliebt sich natürlich sofort in sie. Und auch die Frau ist angetan von dem wohlerzogenen Mann, der so ganz anders ist als ihr Dahingeschiedener.

Ich will nicht ins Detail gehen, aber die beiden müssen furchtbare Schwierigkeiten überwinden. Da ist die bitterböse Familie des Adligen. Da ist das Reisebüro, das den jungen Mann nicht so oft nach Kent oder Cornwall schickt, wie er das möchte. Als Nebenstrang könnte sich ein bösartiger weiblicher Reisegast ebenfalls in den jungen Mann verliebt, die Affäre mit der anderen Frau bemerkt und den Reiseleiter bei der Agentur zuhause verleumdet haben, er habe sich überhaupt nicht um die Gäste gekümmert oder so….

Vielleicht ist dem jungen Mann auch ein Nebenbuhler in dem Busfahrer erwachsen, der ebenfalls ein Auge auf die hübsche Deutsche geworfen hat. Und dann wird auch noch ein Kind der Frau von einer schweren Krankheit befallen…

Drama, heimliche Küsse, parfümierte E-Mails, wunderschöne Landschaftsbilder, Intrigen und am Ende ein Happy End – die junge Frau erhält das ihr zustehende Erbe und der junge Mann erfährt bei einem Besuch in einem der in England sehr beliebten Ahnenforschungsstellen, dass er ebenfalls adliger Abstammung ist. Illegitim zwar, aber sein Vater hat, kurz vor seinem Ableben, doch noch seinen Fehltritt zugegeben und den jungen Mann als seinen Erben anerkannt.

Hochzeit auf einem alten Castle und Abspann.

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Man könnte das Ganze auch in Irland spielen lassen, der Ring of Kerry bietet auch Traumlandschaften, dann müsste ich mir statt des Adligen etwas anderes Passendes ausdenken. Und im Hintergrund liefe eine bewegende Filmmusik, die das Lied „Rose of Tralee“ variiert.

Spätestens nach der Ausstrahlung im ZDF dürfte ich dann für einige Zeit keine ernsthaften Geldsorgen haben und könnte das verwirklichen, warum ich den Bestseller überhaupt geschrieben habe: Ich könnte meinen eigenen englischen Garten anlegen.

Man kann den Engländern vieles nachsagen. Einige Dinge können sie wirklich nicht. Mit der englischen Politik ist es seit ein paar Jahren so eine Sache und über die englische Küche (zumindest in großen Teilen) breite ich lieber gnädig den Mantel des Schweigens.

Aber Gärten, das können sie. Und besser als irgendjemand sonst. Gerade Südengland wird dabei auch vom Klima so begünstigt, dass viele Menschen zwar über das feuchte Wetter schimpfen, das aber einige Pflanzen wie beispielsweise Fuchsien oder Hortensien zu einer Größe und Blütenpracht heranwachsen lässt, die man als mitteldeutscher Kleingärtner nur als skandalös empfinden kann.

Ich würde dem Beispiel von Vita Sackville-West folgen, einer englischen Bestsellerautorin aus den 20er Jahren, und mir in Südengland ein altes Herrenhaus kaufen und ein bisschen Land drum herum, für den Anfang würden mir so etwa neun Hektar reichen. Und dann ginge es los.

In die Mitte käme der „Walled garden“, der ummauerte Nutz- und Blumengarten, in dem zumindest noch weitgehend die Regeln von Symmetrie und rechtem Winkel gelten, wie man das aus französischen Gärten kennt. Und um diesen inneren Garten herum erstreckte sich der eigentliche englische Garten.

Ein wirklicher englischer Garten vermittelt zunächst den Eindruck einer gewissen Anarchie – und irgendwann stellt man fest, dass diese Anarchie einem ganz bestimmten Plan folgt. Hat man mehrere solcher Gärten besucht, stellt man fest, dass alles genau durchdacht ist. Ständig ergeben sich plötzliche überraschende Sichtachsen, die Mischung der einzelnen Pflanzen ist genau überlegt, was die Komposition von Farben und Düften betrifft, die Blütezeiten werden aufeinander abgestimmt und dann gibt es immer wieder Hecken. Hecken, aus denen man ganze Labyrinthe erschaffen kann und solche, an denen sich die besten Bildhauer des Landes probieren können.

Es gibt Stellen, an denen man sich zu verlaufen glaubt, nur um hinter der nächsten Ecke wieder einen Blick auf das Herrenhaus zu erhaschen und so die Orientierung zurückzugewinnen.

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Das  ist der Grund, warum ich dafür noch einmal zwanzig oder wenigstens dreißig Jahre alt sein möchte – so ein Garten braucht Zeit. Viel, viel Zeit. Man plant und sucht und buddelt und wühlt und pflanzt und jätet (was, zugegeben, ziemlich auf den Rücken geht), und dann heißt es im günstigen Fall ein paar Jahre warten, ehe man Gewissheit hat, dass der Plan, den man hatte, tatsächlich aufgegangen ist, im wörtlichen Sinne Blüten trägt.

Und die Bäume, die man pflanzt, auf denen werden vielleicht die eigenen Enkelkinder herumklettern, erst dann werden sie hoch und stabil genug dafür sein.

Man muss sich so einen englischen Landschaftsgärtner als einen ewig unzufriedenen und sehr glücklichen Menschen vorstellen. Unzufrieden, weil immer noch nicht alles so ist, wie man es in Gedanken vor sich gesehen hat, weil der Moment, in welchem der eigene Traum in Erfüllung geht, noch in sehr weiter Ferne liegt – und glücklich, weil man diesem Traum an manchen Tagen wieder ein kleines Stück näher gekommen ist. Und am Abend führt einen die Nase in den Kräutergarten und man wählt unter den vielen Düften das passende Kraut für die Suppe aus. Man legt der Liebsten eine besonders schöne Blüte auf den Tisch. Danach liest man am Kaminfeuer ein Buch, am besten „Das Jahr des Gärtners“ von Karel Čapek und fühlt sich verstanden.

Ich könnte weiterhin als Reiseleiter arbeiten und vor allem Reisen annehmen, von denen ich exotische Pflanzen für meinen Garten mitbringen könnte – ich habe den Verdacht, mit Ausnahme von Wüstengewächsen gedeiht in dem südenglischen Klima einfach alles.

Das ist doch ein guter Grund, auch einmal einen Rosamunde-Pilcher-Verschnitt zu schreiben, oder?

Nun muss ich nur noch diesen vermaledeiten Jungbrunnen finden.

17-003 Davon träumen kann man ja

17-002 Viele Marien und ein paar Reiseleiter

In dem kleinen südfranzösischen Ort Les Saintes Maries de la mer gibt es eine Tradition, von der ich erzählen möchte.

Doch bevor ich dazu komme, bin ich denen, die ein wenig Französisch können, eine Erklärung schuldig: „Les Saintes Maries“ – das ist ja nun eindeutig Plural. Aus dem Neuen Testament kennen wir eine Heilige Maria – und nun also gleich mehrere? Hat es da ein Update gegeben, das an uns vorbeigegangen ist?

Nun, glaubt man den Menschen dort an der französischen Mittelmeerküste, dann gab es mindestens vier Heilige Marien, neben der allgemein bekannten noch Maria Magdalena, Maria Jakobaea und Maria Salome (mitunter wird auch eine Maria Josepha und eine Maria Kleophae erwähnt), allesamt mit der Mutter von Jesus mehr oder minder eng verwandt. Diese wurden nun von den Häschern nach der Kreuzigung Jesu in ein kleines Boot ohne Ruder und Segel vor Israel ins Meer gesetzt – und ein wohltätiger Sturm in Verbindung mit der Vorsehung trieb die Nussschale bis an die Küste der Camargue.

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Hier geht nun die Überlieferung auseinander. Einige behaupten, dass sich an Bord neben den Marien auch eine schwarze Dienerin, Sara, befunden hätte. Unternimmt man jedoch von Les Saintes Maries aus eine Bootsfahrt in die Camargue, erzählt der Kapitän eine andere Variante, dass nämlich in der Nähe des heutigen Arles fahrendes Volk sein Lager aufgeschlagen hätte, und dort sei ein Mädchen namens Sara in der Nacht durch eine Stimme vom Himmel aufgefordert worden, ans Meer zu eilen, wo sie die entkräfteten Marien fand und ihnen fortan als Dienerin beigestanden hat.

Das alles ist schon so lange her, da bringt man mitunter etwas durcheinander.

Jene Sara allerdings, die ist bis heute lebendig, zumindest in der Erinnerung. Die „Schwarze Sara“ gilt als Schutzpatronin des fahrenden Volks, das deshalb jährlich eine große Feier ihr zu Ehren abhält. Egal ob sie sich nun Sinti, Jenischen, Roma, Manouches oder Gitanes nennen, sie alle treffen sich um Pfingsten herum in Les Saintes Maries, dazu kommen die Züchter der weißen Pferde und schwarzen Stiere aus der Camargue, und die Arlesiennes, Frauen aus Arles in den traditionelle Trachten.

Und alle feiern das Leben als Reise.

Eigentlich sollten diese Tage auch ein Pflichttermin für Reiseleiter sein. Reiseleiter zählen, genau genommen, ja auch zu fahrenden Volk…

Als Ersatz dafür gibt es, zumindest bei dem Reiseunternehmen, für das ich arbeite, Anfang März eine „Reiseleiterausfahrt“. Die Saison über ist man als Einzelkämpfer unterwegs (stimmt nicht – im Doppelpack mit dem Busfahrer), hier nun kann man sich in Ruhe unterhalten. Man kann auch schon am Vormittag ein Bier oder einen Sekt schlürfen, sich Tipps geben, wo es besonders reizvolle Ecken gibt und worum man am besten einen großen Bogen machen sollte. Man kann herzhaft über den ein oder anderen Reisegast lästern, aber, da unsere Reisegäste natürlich immer liebe und nette Menschen sind, sind alle diese Lästergeschichten als vom vormittäglichen Alkohol inspirierte Schauermärchen zu werten…

Es ist im Grunde egal, wohin die Ausfahrt geht, meist ist eine Stadtführung oder Ähnliches dabei. Der gebuchten Stadtführerin oder dem Stadtführer schlottern vorher schon die Beine, wenn er hört, dass seine Gruppe lauter Reiseleiter sind, die ja bekanntlich immer alles kennen und wissen und – das vor allem – besser wissen. Hinterher sind sie dann erleichtert und erfreut, weil das mit dem Besserwissen ja eine Art Berufspflicht ist und wir ansonsten, insbesondere gegenüber Kollegen von der fahrenden Zunft (da wollen wir mal die Stadtführer generös mit dazurechnen) ganz lieb und handzahm sind.

Mitunter läuft einem dann sogar ein ausgewachsener Ministerpräsident über den Weg und ist ganz zutraulich, schließlich sind es ja wir Reiseleiter, die potentiell zahlungskräftige Touristen in seinen Sprengel führen könnten.

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Abends wird in einem Hotel gegessen, getrunken, manchmal gebowlt und vor allem: geredet. Jeder versucht, seine besten Sprüche loszuwerden und gleichzeitig die der Anderen aufzuschnappen und sich zu merken. Auf einer Tour wie der Schottland-Irland-Rundreise, wo man mit den Gästen circa 4000 Kilometer im Bus sitzt, kann man gar nicht genug witzige (und manchmal auch dumme) Sprüche kennen.

Vor allem sind bei dieser Ausfahrt die meisten von uns schon in angenehm vorfreudiger Erregung. Es ist Anfang März, die Temperaturen steigen – und in ein paar Wochen beginnt die Saison. Über Weihnachten und Silvester sind nahezu alle auf Tour gewesen, aber diese Feiertagsfahrten zählen nicht richtig. Zwischen März und Oktober, das ist die Zeit, in der wir als fahrendes Volk durch die Welt ziehen.

Im Januar gab es die Planung, das ist dann für mich der härteste Tag des Jahres: Wenn ich meiner Familie erkläre, wo überall ich hinfahre, während gleichzeitig beispielsweise meine Frau jeden Tag auf ihre Arbeit fährt. Jeden Tag an den gleichen Ort.

Es gibt Reiseleiter, egal ob weiblich oder männlich, deren Ehe daran kaputtgegangen ist, auch das gehört dazu. Und man muss dieses „Zigeunerleben“ mögen, sonst macht man diesen Job vielleicht ein Jahr und nicht länger. Man muss das Reisen lieben und gleichzeitig wissen, was man an seinem Zuhause und seiner Familie hat, dann kann es gutgehen. Klopfen wir mal auf Holz…

Es geht los. Wenn ich diesen Beitrag ins Netz gestellt habe, werde ich meinen Koffer schnappen, der Bus bringt mich und meine Gruppe zum Flughafen und dann spielt sich im kommenden halben Jahr mein Leben zwischen Reykjavik und Kapstadt und zwischen Wien und Los Angeles ab. Ich werde viel Bekanntes wiedersehen und Neues kennenlernen, eines ist so schön wie das andere.

Ja, ich bin weltsüchtig, so könnte man das nennen. Dazu kommt, dass ich in einer Ecke des Landes wohne, wo die Nachrichten im Radio, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen, etwa so aussehen: Meldung 1: In der Kleinstadt X ist ein Sack Kleie umgefallen. Personen wurden nicht verletzt, der Bürgermeister bat die Bewohner um Besonnenheit. Meldung 2: Der Oppositionsführer im Landtag des betreffenden Bundelandes hat wegen des umgefallenen Kleiesackes den Rücktritt des zuständigen Ministers wegen Untätigkeit verlangt. Heute sei es nur ein Sack Kleie, demnächst dann vielleicht ganze Wolkenkratzer, die umfallen (auch wenn es in dem Bundesland keine gibt). Meldung 3: Der Minister lehnt den Rücktritt ab und verweist darauf, dass in seinem Haus seit Wochen mit Hochdruck daran gearbeitet werde, einen Gesetzentwurf gegen das Umfallen von Säcken zu erarbeiten. Dieser solle noch in dieser Legislaturperiode vorgelegt werden.

Für den ganzen Rest der Welt bleiben dann die dreißig Sekunden vor Wetter und Verkehr. Schreibt man den Sender daraufhin an, erhält man als Antwort, dass „die Menschen“ das so wollten. Wenn man das mit dem Sack Kleie nicht brächte, dann würden die Menschen denken, man verheimliche etwas, und schnell ist wieder von der Lügenpresse die Rede…

Zeit rauszukommen. Und die Leute, die mit mir fahren, die wollen (sagen wir: in 95% der Fälle) auch Neues kennenlernen. Die Welt ist zu groß und zu schön und zu vielfältig, um den ganzen Tag nur Kleiesäcke zu zählen.

Das Leben ist eine Reise und diese Reise soll ein Fest seinDSC_0120

17-002 Viele Marien und ein paar Reiseleiter

17-001 Reiseleiter, Murmeltiere und die Fallen der Erinnerung

Ein Jahr auf Tour ist vorbei. Zwischendurch hin und wieder ein Beitrag. Zeit, allen zu danken, die meine Notizen gelesen haben und Euch ein wundervolles Jahr 2017 zu wünschen. Ein Jahr, das Euch neue Einblicke, Erkenntnisse und Erlebnisse für alle Sinne bescheren möge. Bleibt neugierig und habt Appetit auf Unbekanntes, dann wird Euch das Neue Jahr Momente bringen, die Euch verzaubern wollen – lasst es zu.

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Das ist auch, kurz zusammengefasst, was ich mir von meinen Reisegästen wünsche.

In einem Hotel in Italien habe ich an der Wand ein Zitat gefunden, das ich hier frei übersetzen möchte: „Die Welt ist ein Buch. Wer nicht reist, der liest nur eine Seite davon.“ Ich wünsche Euch allen, dass ihr viele Seiten dieses Buches lesen könnt – und Euch von mir Appetit auf weitere Seiten machen lasst.

Es klingt banal, aber ich halte das Reisen mit offenen Sinnen für die beste Medizin gegen jede Form von Engstirnigkeit.

Am Jahresende sagt man mitunter, man solle zurück und nach vorn schauen. Wer so etwas tut, der muss ein rechter Januskopf sein. Deshalb trifft es sich gut, dass ich die Planung für 2017 erst in den kommenden Tagen bekomme und mich heute auf den Blick zurück beschränken kann.

Wenn meine Excel-Tabelle nicht schwindelt, war ich 2016 insgesamt 127 Tage als Reiseleiter unterwegs. Ich habe genau 399 Reisegäste in andere Länder begleitet, habe dabei 47.500 km im Bus zurückgelegt, die meisten davon auf dem Beifahrersitz. (Kann jemand bitte den Herstellern MAN und Mercedes sagen, dass ihre Beifahrersitze eine Zumutung sind? Ich weiß nicht, was für einen Typ Beifahrer sie bei der Konstruktion ihrer Sitze im Auge hatten, Menschen mit ausgeprägt masochistischen Neigungen offenbar. Oder aber sie wollen den Reiseleiter dazu motivieren, während der Fahrt nicht faul auf dem Sessel herumzulümmeln, sondern den Gästen Getränke und Essen zu bringen. Bei anderen Herstellern, Setra und Neoplan zum Beispiel, sitzt man viel entspannter.) Dazu kommen etwa 40.000 km im Flugzeug sowie einige Tausend Kilometer auf Fähren und kleineren Schiffen.

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Ich habe 65 unterschiedliche Hotels in 10 Ländern auf 3 Kontinenten erleben dürfen. Als Reiseleiter hat man den Vorteil, dass man dabei eine größere Bandbreite erlebt als der normale Reisegast. In einigen Hotels geht man (nicht zu Unrecht) davon aus, dass der Reiseleiter so etwas wie nicht zahlender Ballast ist, eine Art blinder Passagier, für den ist dann eine bessere Besenkammer gerade gut genug. Andere Hotels glauben (ebenfalls nicht zu Unrecht), dass der Reiseleiter schließlich hinterher das Hotel bewerten soll, was durchaus Auswirkungen auf künftige Buchungen haben kann – dann bekommt er auch schon mal ein Zimmer mit einem besonders schönen Balkon oder einer extra großen Badewanne, und hin und wieder gibt es auch das Bier oder den Wein zum Abendessen gratis.

Liebe Hoteliers: Reiseleiter sind in ihrem Urteil absolut unbestechlich! (Zumindest, wenn sie gut geschlafen und gegessen haben…)

In Europa bin ich zwischen Nordkap und Lanzarote umhergereist (gut, Lanzarote gehört geographisch eigentlich zu Afrika, politisch allerdings ist es Teil von Spanien). Ich habe in Wales den Ort mit dem längsten Ortsnamen besucht, den ich hier nicht aufschreiben werde, weil ich mich dabei sowieso vertippe. Stattdessen stelle ich das Foto des dortigen Bahnhofs ein. Ich war kurz vor dem Ort mit dem kürzesten Namen der Welt, der Gemeinde Å auf den Lofoten.

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Fragt bitte nicht, wo es mir am besten gefallen hat. Normalerweise soll man als Reiseleiter auf jede Frage eine Antwort haben, bei dieser muss ich passen. Jedes Bekenntnis zu einem bestimmten Ort würde all die anderen wunderbaren Orte zurücksetzen.

Ich habe Landschaften und Bauwerke gesehen, die mich sprachlos gemacht haben, auch beim wiederholten Besuch. Ich habe interessante Menschen kennengelernt, sowohl an den Reisezielen als auch unter meinen Reisegästen. Ich habe das Erschrecken erlebt, als ich zuhause in den Nachrichten hörte, dass ein durchgeknallter Vollidiot im Namen eines eingebildeten Gottes in Nizza auf der Promenade des Anglais in eine feiernde Menschengruppe hineingerast ist und viele getötet hat. Auf jenem Boulevard, auf dem ich wenige Tage zuvor noch gestanden habe und zu dem ich immer wieder gern zurückkehre, weil er so viel Lebensfreude ausstrahlt – etwas, das religiöse Fanatiker jeder Glaubensrichtung nicht verstehen und schon gar nicht dulden können.

Ein Busfahrer hat mir das folgende Gleichnis erzählt: Reiseleiter sind wie Murmeltiere. Anfang April kriechen sie abgemagert, pleite und ausgehungert aus ihren Erdlöchern und gehen auf Futtersuche. Ende August haben sie ihr Idealgewicht erreicht, ehe sie dann Ende Oktober fett, reizüberflutet und ein wenig aggressiv in ihren Bau zurück kriechen.

Auf so einen Unfug kann natürlich nur ein Busfahrer kommen. Und es wäre noch lächerlicher, wenn dieser Vergleich nicht tatsächlich einen Funken Wahrheit enthalten würde.

Bei so vielen verschiedenen Hotels, Ländern kann es gegen Ende der Saison schon passieren, dass man sich früh am Morgen fragt: Wo bin ich eigentlich. Oder dass man in Namibia am Fish-River-Canyon steht und überlegt, ob man etwas verpasst hat und dies vielleicht immer noch der Grand Canyon in Arizona ist…

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Da ist es gut, dass man als Reiseleiter von November bis März Winterschlaf halten kann, unterbrochen nur von einer Tour über Weihnachten oder Silvester.

Die Winterpause bietet die Möglichkeit, das Gesehene zu sortieren und zu verarbeiten – und in Gedanken noch einmal zu genießen. Dabei spielt mir das Gedächtnis allerdings den ein oder anderen Streich. Denn wenn ich hier zuhause am Rechner sitze und die Augen schließe, welches Bild kommt zuerst in meiner Erinnerung hoch?

Marseille! Der alte Hafen. Ausgerechnet Marseille! Ich rede ständig mit der Reiseplanerin, diese Stadt aus dem Programm zu streichen und stattdessen lieber beispielsweise Aix-en-Provence mit aufzunehmen. Marseille ist für Busreisen eine Katastrophe: man bekommt kaum einen Parkplatz in der Nähe des Hafens, es gibt keine öffentlichen Toiletten. Wenn man aus der Innenstadt auf die Autobahn in Richtung Nizza will, muss man abenteuerliche Straßen im Schritttempo durchfahren, wirklich schön finde ich die Stadt auch nicht – und dann schleicht sich dieser Ort so hinterhältig in die Erinnerung ein…

Wer reist, erlebt auch lange nachher noch Überraschungen.

Noch ein Wunsch an Euch, an uns alle für 2017: Lassen wir uns immer wieder überraschen!

 

17-001 Reiseleiter, Murmeltiere und die Fallen der Erinnerung

16-016 Schotten, Geiz und Wunder der Sparsamkeit

Der Kalender ist gnadenlos ehrlich. Ohne jedes Mitgefühl teilt er mir mit, dass seit meinem letzten Beitrag mehr als ein Vierteljahr vergangen ist. Bis Anfang November war ich auf Reisen, dann begann die „Winterpause“. Mit Ausnahme der Tage über Silvester, wo ich eine Tour an den Gardasee leiten werde, habe ich bis zum Frühjahr Muße, die vergangene Reisesaison zu verarbeiten.

Also habe ich mir eine kleine Auszeit gegönnt, um die Erlebnisse und Eindrücke sacken zu lassen. Das ein oder andere davon wird sich sicher in diesem Blog wiederfinden.

Dennoch, ein Vierteljahr nichts Neues geschrieben und gepostet – man könnte mir beinahe schon Geiz unterstellen. Schottisches Benehmen.

Da trifft es sich gut, dass ich selbst in Schottland gewesen bin und das mit dem Geiz an Ort und Stelle untersuchen konnte. Ich habe festgestellt: Geizig sind die Schotten nicht, sie haben nur die Eigenart, nichts umkommen zu lassen, nichts zu verschwenden – und diese Sparsamkeit bringt mitunter wundervolle Ergebnisse hervor.

Gar nicht geizig, ja geradezu verschwenderisch waren die Schotten, mit denen ich mich unterhalten habe, in der Verwendung von Schimpfworten gegenüber den Engländern. Dazu ist zu sagen, dass ich kurz nach der Brexit-Abstimmung in Schottland gewesen bin, in jenem Teil Großbritanniens, in dem nicht ein einziger Wahlbezirk für den Austritt aus der EU gestimmt hat. Und nun müssen die sehr proeuropäisch gestimmten Schotten damit leben, dass die Engländer noch nicht verwunden haben, dass ihr British Empire seit mehr als 60 Jahren perdu ist.

Als Reiseleiter bin ich ohnehin, schon von Berufs wegen, überzeugter Internationalist und Europäer. Meine Gesprächspartner erkannten also schnell, dass sie in mir einen Gleichgesinnten haben – und bedankten sich damit, dass sie Schimpfworte für die Engländer beigebracht haben, an die ich bislang nicht einmal zu denken wagte und die ich aus Respekt vielen Engländern gegenüber (denn auch dort habe ich patente Menschen kennengelernt, aber davon ein anderes Mal) nicht wiederholen werde.

Natürlich kennen die Schotten die Vorurteile ihnen gegenüber. Nahezu jeder Schotte kennt auch genügend Schottenwitze. Wie wurde der Kupferdraht erfunden? Zwei Schotten stritten sich um ein 2-Pence-Stück. Wie entstand der Grand Canyon? Einem schottischen Auswanderer rutschte eine 2-Pence-Münze in eine Erdritze und er hat so lange gebuddelt, bis er sie wiederfand.

Der Schotte ist nicht geizig, er findet Geiz auch nicht geil. Die karge Landschaft und die Geschichte haben ihn aber zur Sparsamkeit erzogen, Verschwendung ist ihm eine Greuel. Und dann hat er in die Welt hinausgesehen und Dinge entdeckt, die er schlicht nicht verstehen konnte.

Zunächst einmal hat man auch in Schottland, wie in so vielen Gegenden der Welt, das Geheimnis entdeckt, Schnaps zu brennen. Aus Korn, meistens Gerste und Roggen, sowie Wasser konnte man ein klares Destillat gewinnen, das angenehm von innen wärmte und in größeren Mengen zu Albernheit und später Kopfschmerzen führte. (Es wäre eine eigene Untersuchung wert, warum in so vielen Sprachen der Schnaps die Bezeichnung Wasser oder gar Lebenswasser erhalten hat). Dieses Destillat ist zunächst einmal so etwas Ähnliches, wie wir es in Deutschland als Kornbrand kennen.

Gleichzeitig blickten die Schotten etwas neidisch auf jene Gegenden, in denen man Wein anbauen konnte. Das hätten die Schotten selbst auch gern getan, allein Klima und Boden hatten etwas dagegen. Ganz und gar unverständlich war es ihnen jedoch, dass die Fässer, in denen der Wein reifte, nach einmaliger Verwendung weggeworfen wurden, zerhackt, verheizt oder wofür auch immer benutzt.

Welch eine Verschwendung!

In einem sehr lichten Moment muss jemand auf den Gedanken gekommen sein, diesen Fässern in Schottland ein neues Leben zu geben und sie mit dem Kornbrand zu befüllen.

Was soll ich sagen: Das Ergebnis ist sensationell. Der Brand nimmt die Weinaromen in sich auf, gleichzeitig kommen die schottischen Aromen von Torffeuer, Salzwasser, Seeluft und Heide mit dazu, und nach ein paar Jahren Wartezeit wird aus dem Destillat Lebenswasser. Lebenswasser, das heißt auf Gälisch Uisge-beatha, spricht sich etwa „Uschkebert“ – und wenn man das nach dem vierten Glas auszusprechen versucht, dann kommt so etwas wie „Whisky“ heraus.

Das Ganze hat auch für das Fass seine Vorteile: Würde es in Portugal oder Spanien nach drei, vier Jahren verschrottet, so kann es in Schottland bei drei- oder gar viermaliger Befüllung ein stolzes Alter von über 60 Jahren erreichen, eine stolze Karriere für ein kleines Fass! (Nun gut, was bei der vierten Befüllung herauskommt, kann man bestenfalls noch zum Verschneiden nehmen, zur Herstellung von Blended Whisky also.)

Die verschiedenen Fässer, die für die Lagerung verwendet werden (teilweise werden auch aus den USA Fässer importiert, in denen Bourbon gelagert wurde, der muss nämlich in neue Eichenfässer abgefüllt werden, ja, aber die alten Fässer kann man doch nicht einfach wegwerfen, sagt sich auch da der Schotte…) und die verschiedenen Landschaften Schottlands mit ihren ganz individuellen Aromen sorgen dafür, dass man bei schottischem Single Malt eine Geschmacksvielfalt vorfindet, bei der man sich wundert, dass alle diese unterschiedlichen Getränke unter einem Namen laufen, Whisky eben.

Natürlich kann man Whisky in Cola kippen. Man kann ganze Gletscher von Eis hineinschütten. Man kann alles Mögliche machen, um diesem wundervollen Getränk seinen Geschmack auszutreiben. Man kann sich auch völlig sinnlos damit betrinken.

Aber muss es dann wirklich ein schottischer Single Malt sein? Dafür reicht doch billiger Fusel.

Whisky muss man langsam und in Ruhe trinken. Man muss ihm zuhören. Man sagt, ein guter Wein erzähle einem eine Geschichte darüber, wo er herkommt. So gesehen erzählt ein schöner Single Malt gleich zwei Geschichten, eine über den Wein, in dessen Fass er gelagert hat, und eine über den Teil Schottlands, aus dem er stammt.

Man muss ihm nur Zeit geben.

Whisky ist zwar das bekannteste Ergebnis der wunderbaren Effekte schottischer Sparsamkeit, aber beileibe nicht das einzige. In der kleinen Stadt Pitlochry (wo es, selbstverständlich, auch eine Distillery gibt, in der einem, wie in jeder Brennerei Schottlands erzählt wird, dass von hier der beste Whisky des Landes kommt) habe ich die Herstellung von Heather Gemstones kennengelernt, übersetzt also „Heide-Edelsteine“.

Bei aller Sparsamkeit möchten auch schottische Frauen gern mal ein Schmuckstück tragen, einen Edelstein in schöner Fassung zum Beispiel. Was aber tun, wenn solche Edelsteine erstens teuer sind und in Schottland auch nicht überall in der Gegend herumliegen? Man bleibt Schotte: Man nimmt das, was man ohnehin (leider) in zu großer Menge hat, nämlich Heidekraut. Gegen das führen die Schotten ohnehin einen nahezu aussichtslosen Kampf, weil es ganze Gegenden als Weideflächen unbrauchbar macht und alles andere überwuchert.

Also wird das Kraut „geerntet“, die Stengel werden geschält, getrocknet und gefärbt. Diese gefärbten Stengel werden dann mit hohem Druck gepresst, geschnitten und geschliffen, es kommen geheimnisvolle Lacke ins Spiel – und fertig ist am Ende etwas, das tatsächlich wie ein echter und exotischer Edelstein aussieht. Man muss ja niemandem erzählen, dass es sich dabei um nichts anderes als Unkraut handelt.

Und ich werde mir jetzt ein Glas schottischen Whisky genehmigen, ihm gut zuhören und mir dabei fest vornehmen, in den kommenden Wochen mit meinen Blogbeiträgen nicht so sparsam zu sein wie im vergangenen Vierteljahr.

Hm… Gar keine Bilder diesmal? Ganz dumme Antwort: Ich weiß nicht, wo ich die Bilder aus Schottland abgelegt habe…

Beim nächsten Mal gibt es wieder was zum Angucken. Versprochen.

16-016 Schotten, Geiz und Wunder der Sparsamkeit

16-015 Douglas Adams und nordische Magie

Die Lofoten können gar nicht von Gott gemacht worden sein. Ein Gott, der sich ganze sechs Tage Zeit nimmt, um unseren Planeten zu erschaffen, einschließlich Deutsches Reinheitsgebot, Große Hausordnung und Vorsteuerabzugsberechtigung, so ein Gott hat keine Zeit für Spielchen, und für Späße schon gar nicht.

Die norwegische Küste ist ein einziger Spaß und die Lofoten sind so etwas wie die Pointe.

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Besser als die Variante der göttlichen Schöpfung gefällt mir daher die Theorie, die Douglas Adams in seinem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ aufgestellt hat. Demnach ist die Erde gar kein natürlich entstandener Himmelskörper, sondern ein auf dem Planeten Magrathea von hochspezialisierten Ingenieuren und Designern entworfener und gebauter Supercomputer (wer wissen will, warum dieser Computer gebaut wurde, der muss schon das Buch lesen…)

Jener Designer namens Slartibartfast, gepriesen sei sein Name, der für das Design von Norwegen zuständig war, hat für seinen Entwurf damals sogar einen Preis gewonnen. Die Aufgabe lautete wahrscheinlich: Bringe in einem Land mit etwa 2.000 km Nord-Süd-Ausdehnung und maximal 450 km Breite mehr als 15.000 km Küstenlinie unter.

Beim ersten Versuch hat das offenbar nicht funktioniert, dann hätte er die Fjorde bis nach Schweden hineinziehen müssen, was wohl gegen die Ausschreibung verstoßen hätte. Also hat er im Nordwesten einfach noch ein paar Inselchen vor die Festlandsküste gepackt – Aufgabe erfüllt, Preis eingetütet und ab einen Gin-Tonic trinken (ein Getränk, das es laut Douglas Adams übrigens auf jedem bewohnten Planeten des Weltalls gibt, wenn auch überall in anderer Zusammensetzung).

Das Ergebnis jedenfalls ist eine spektakuläre Landschaft aus Bergen und Meer, mitunter schroff und dann wieder sanft, beengt und andernorts erstaunlich weitläufig. Einige der Felsen sind verwittert und zeigen so seltsame Formationen – mitunter glaubt man, ein Gesicht in ihnen zu erkennen – vielleicht hat sich Slartibartfast mit einem Selbstporträt verewigt. Und über dieser grandiosen Kulisse darf der Himmel seinen Hang zu Theatralik gründlich ausleben, dramatische Wolkenspiele sind auf den Lofoten im Preis inbegriffen.

Die Bewohner der Lofoten sind sich der Schönheit der Inseln durchaus bewusst und zeigen sie auch gern – zumindest habe ich anderswo noch nicht erlebt, dass zur Ausstattung des Hotelzimmers ein Fernglas gehört, mit dem man staunend durch die große Fensterscheibe schauen kann.

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Allerdings, das ist ein Teil der erwähnten Pointe, liegen die Lofoten ein gutes Stück nördlich des Polarkreises, was zur Folge hat, dass die Schönheit der Inseln im Sommer wegen des Polartages zwar rund um die Uhr bewundert werden kann, um die Wintersonnenwende herum allerdings längere Zeit komplett im Finsteren bleibt, falls es nicht gerade Polarlicht gibt.

Und Inseln im eigentlichen Sinn sind sie auch nicht mehr, der norwegische Drang, überall Tunnel und Brücken zu bauen, natürlich tief oder hoch genug, dass die Schiffe von Hurtigruten darüber hinweg oder drunter durch fahren können, hat zumindest die größten dieser Inseln komplett miteinander und mit dem Festland verbunden. Von Steinsland, dem letzten Ort auf dem Festland kann man bis an das Ende der Inselkette trockenen Fußes oder Reifens gelangen, schönes Wetter vorausgesetzt.

Und dort, ganz am Ende der Lofoten, liegt auch der Ort mit dem kürzesten Namen in Europa: Å. „Å“  ist übrigens nicht der erste, sondern der letzte Buchstabe des norwegischen Alphabets und wird gesprochen wie ein sächsisch gefärbtes „Oh“. Was sollten die Erstbesiedler der Inseln auch anderes sagen als „Oh!“, als sie feststellten, dass sie nunmehr das Ende der Welt erreicht hatten…

Der Spruch ist geklaut bei Christian-Ivar Hammerbeck, einem Hamburger Maler, der seit mehr als 20 Jahren auf den Lofoten lebt und keine Absichten hegt, wieder zurück nach Deutschland zu gehen. Er ist mit uns einen Tag lang über die Inseln gefahren und hat uns mit sichtlichem Stolz deren Schönheit präsentiert.

Dass wir diese Schönheit allerdings bewundern konnten, dazu musste ich ein wenig nachhelfen. Auf dem Weg nach Norden fing es hinter Trondheim zu regnen an und vor lauter Nebel hätten wir das Polarkreiscenter um ein Haar übersehen. Genauso gut hätten wir durch die norddeutsche Tiefebene rollen können. Also habe ich zu „nordischer Magie“ (oder zu etwas, was man mit gutem Willen als eine Karikatur davon bezeichnen könnte) gegriffen und ein Stück nördlich vom Polarkreis aus mehreren flachen Steinen einen Turm, genauer gesagt: einen Steinhaufen errichtet. Diesen habe ich zum Trollhaufen ernannt, in welchen ich den Schlechtwettertroll einfach eingesperrt habe. Und tatsächlich: Er hat sich aus dem Haufen erst befreien können, als wir bereits auf dem Rückweg vom Nordkap waren.

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Mitunter greift man als Reiseleiter schon zu merkwürdigen Mitteln. Aber wenn‘s hilft… Wir haben unseren Aufenthalt auf den Lofoten bei strahlendem Sonnenschein genießen können, am Abend beschwerten sich sogar mehrere Reisegäste, ihr Hotelzimmer sei durch die Sonne geradezu unerträglich aufgeheizt worden. Und das knapp unterhalb der Arktis!

Über seiner Haustür hat Christian den Spruch angebracht: „Einmal Lofoten – Immer Lofoten“. Diesen Luxus kann ich mir als Reiseleiter nicht leisten, nur von Reisen auf die Lofoten würde ich nicht über das Jahr kommen. Und also gingen die nächsten Reisen erst einmal nach England, dann (endlich wieder einmal) ans Mittelmeer, nach Frankreich und Italien. Aber manchmal schließen sich Kreise ganz überraschend: Im Hotel bei Verona gab es am Abend ein Gericht, das eine besondere Spezialität der Gegend um Vicenza sein soll: Bacalhao. Stockfisch. Und dessen Zubereitung haben wir auf den Lofoten ausgiebig kennengelernt, überall um Svolvær herum stehen die hölzernen Gestelle, auf denen der Dorsch durch die salzige Meeresluft zum Stockfisch getrocknet und konserviert wird.

Und die nächste Tour geht kommende Woche nach Schottland – in diesem Jahr wird das also nichts mehr mit einem erneuten Besuch auf den Lofoten. Aber für das kommende Jahr, da stehen sie mit ganz vorn auf meiner Wunschliste.

P.S. Natürlich gibt es nordwestlich von den Lofoten noch eine weitere Inselgruppe, die Vesterålen. Slartibartfast hat sozusagen wegen des großen Erfolges noch eine Zugabe gegeben. Aber, um noch einmal Christian-Ivar Hammerbeck zu zitieren, auf die Vesterålen fahren die Bewohner der Lofoten nur, um von dort aus zu staunen, wie schön ihre eigenen Inseln aus der Ferne aussehen.

16-015 Douglas Adams und nordische Magie