18-002 Der Himmel über dem Süden

DSC04253Es gibt viele Gründe, warum eine Fahrt in den Süden Afrikas für viele Menschen eine Traumreise ist.

Da ist die Tierwelt. An keinem anderen Ort sieht man sich den „Big Five“, also Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn und Büffel, so nahe gegenüber wie im Krüger- oder im Umfolozi-Nationalpark in Südafrika. Mit etwas Glück kann man vom Jeep aus einem Elefanten direkt ins Auge schauen oder Löwen beim Liebesspiel zusehen – und das in völliger Sicherheit, solange man sich als Zweibeiner an die Spielregeln hält und im Jeep bleibt. Im Etosha-Nationalpark in Namibia fehlen zwar die Büffel, aber die vier anderen „Großen“ gibt es ebenfalls zu bestaunen. Und dann sind da ja auch noch Zebras, Giraffen, die verschiedensten Antilopenarten und, und, und…

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Andere zieht es wegen der großartigen Landschaften in den Süden Afrikas. Seien es die Drakensberge in Südafrika, der Blick vom Tafelberg hinunter auf Kapstadt, der Fish-River-Canyon in Namibia, der zweittiefste Canyon der Welt, die gewaltigen roten Sanddünen von Sossusvlei oder auch nur die endlosen Weiten, beispielsweise im Damaraland im Norden von Namibia: Wer über die Werke der Natur ins Staunen und Schwärmen geraten will, der ist hier goldrichtig.

Kenner wissen längst, dass man in diesen Ländern auch den Gaumen verwöhnen kann. Die Küche Südafrikas mit ihren europäischen, afrikanischen, malaiischen und indischen Einflüssen bringt Gourmets zum Träumen. Und in Namibia kommen Fleischesser voll und ganz auf ihre Kosten. Frischestes Fleisch von Rind oder Schaf, aber auch von den verschiedenen Antilopenarten oder vom Zebra, auf dem Grill ganz nach Wunsch an- oder durchgebraten, dazu eine der vielen leckeren Beilagen und ein kühles Windhoek-Lager-Bier, nach so einem Abendessen kann einem nichts Schlimmes mehr passieren.

Doch es gibt eine Sache, die in den meisten Katalogen vergessen wird: das ist der Himmel über dem Süden Afrikas, insbesondere der Abendhimmel.

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Was soll daran so Besonderes sein, fragt man sich. Himmel ist Himmel.

Und doch, wenn ich im Winter zuhause sitze und an Afrika denke, dann kommen mir zuerst nicht die Elefanten oder Giraffen in den Sinn, nicht der Blick vom Rand des Fish-River-Canyon, kein duftender und dampfender Teller mit dem südafrikanischen Eintopf Bobotie – nein, ich sehe den afrikanischen Abendhimmel vor mir. Und, ich weiß es von Freunden, ich bin damit nicht allein.

Tagsüber ist es meist warm und vor allem oft staubig – die Naturpisten, auf denen man sich vorwärtsbewegt, tun das Ihrige dazu. Der Himmel ist blass an diesen Tagen und die Einheimischen halten Ausschau nach Wolken, die vielleicht ein wenig Regen bringen könnten.

Der Abend verzaubert dann jedoch die Landschaft. Sobald sich die Sonne dem Horizont nähert wird der Himmel mit einem Mal gläsern und klar. Es wird sozusagen der Vorhang aufgezogen für das allabendliche Schauspiel. Ein Schauspiel, für welches der Name „Abendrot“ eine beleidigende Untertreibung wäre.

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Innerhalb der nächsten halben Stunde erstrahlt der Himmel in allen nur erdenklichen Farbtönen zwischen Gelb, Orange, Rot, Rosa, Violett bis hin zu braun, ehe er sich in ein tiefes Dunkelblau und Schwarz hüllt, und taucht dabei alles in warme, fast unwirkliche Farben. Die Landschaft erscheint mit einem Mal so weich, so weit, so friedvoll, als ob sie dem Farbspiel des Himmels zu antworten scheint.

Die Umrisse einer Schirmakazie in diesem Abendlicht, eine in der Ferne stehende, von rotem Licht umhüllte Giraffe, die goldene Spiegelung an einem Wasserloch – all das zaubert dem Betrachter unweigerlich ein kindliches Staunen ins Herz und ein entrücktes Lächeln auf das Gesicht.

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Manchmal, wenn man Glück hat, sind Wolken am Himmel, dann wird das Schauspiel um einen dramatischen Akt verlängert. Die Sonne ist für uns kleine Beobachter auf der Erde schon längst hinter dem Horizont verschwunden, ihre Strahlen jedoch fangen sich immer noch in den über die Landschaft ziehenden Wolken, färben sie ein, bilden golden leuchtende, rote feurige oder tief schattige Ränder und Inseln am Himmel. Je nachdem, wie die Wolken beschaffen sind, kann man den Eindruck gewinnen, der unmittelbar bevorstehenden Ankunft eines wie auch immer gestalteten Gottes beizuwohnen oder einen Blick in eine Dämonenküche zu riskieren.

Man steht sprachlos da und kann die Augen gar nicht so weit aufreißen, wie man möchte.

Viele Lodges im Süden Afrikas sind sich dieses – noch dazu kostenlosen – Schatzes bewusst. Der „Sundowner“ ist fester Bestandteil des Tages, ein Ritual, auf das man sich schon den ganzen Tag freut. An einem schönen, erhöhten Fleck nahe der Lodge wird eine Plattform gebaut, auf der man auf bequemen Stühlen dieses Schauspiel erleben kann. Ein freundlicher Angestellter der Lodge serviert einen kühlen Drink, ein paar Würfel Käse, Chips oder Biltong, das afrikanische Dörrfleisch und man kann sich ganz der abendlichen Aufführung hingeben.

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Oder, wie in der Kalahari, man steigt auf einen offenen Jeep und wird auf eine der roten Dünen gefahren, von wo aus man die endlose Weite dieser Wüste überblickt. Die Kühlbox wird ausgepackt, ein Tisch aufgestellt und der Guide serviert den Sundowner. Mit Glück erspäht man in der Ferne ein paar Antilopen, eine Giraffe oder ein Warzenschwein, während man staunend bemüht ist, diesen Moment so tief wie nur möglich in sich aufzunehmen, wohl wissend, dass einem keine Kamera, keine Videoaufzeichnung dieses Gefühl so vollkommen wiederherstellen kann.

Und auf dem Weg zurück von der Plattform zur Lodge, zu Fuß oder per Jeep, haben die meisten Reisenden immer noch etwas von diesem abendlichen Leuchten in sich. Es strahlt förmlich aus ihnen heraus.

Wenn ich an Afrika denke, fallen mir viele Dinge ein. Doch ganz vorn ist immer die Erinnerung an diesen Abendhimmel, eine Erinnerung, die nach mir zu rufen scheint.

 

 

 

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